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Die Europameisterschaften 1995
fanden vom 11.-14.Mai 1995 in der National Indoor Arena in Birmingham
statt. Unser Team ist gut vorbereitet zum Turnier gefahren und einige Fans
und Schlachtenbummler haben uns nach England begleitet. Nicht weit von der
Halle haben wir im Holiday Inn Hotel Quartier bezogen. Mit Peter
Schlatter (unserem Kämpfer bis 65 kg) hatte ich einen guten Freund und "Motivator"
als Zimmerkollegen bekommen. Da wir auch an den gleichen Tagen kämpfen
mussten war das eine optimale Lösung. Nach meinem Kano Cup Gewinn im
November 1994 gehörte ich zum Favoritenkreis und Anwärter auf den EM
Titel.
Nachdem ich die Auslosung gesehen hatte wusste ich, dass es eine ganz
harte Sache werden würde. Der Favorit und Titelverteidiger Sergei Kosmynin
stand in der Liste auf meiner Seite und wird mit Sicherheit ein ganz
schwerer Brocken. Aber bis dahin waren noch 2 weitere Gegner aus dem Weg
zu räumen. Die Nacht vor den
Kämpfen hatte ich gut geschlafen und so fühlte ich mich am nächsten Morgen
frisch und energiegeladen. Nach dem Wiegen und einem kleinen Frühstück
packte ich meine Sachen und lief mit Peter zur Halle rüber. Die Sporthalle
ist ein sehr imposanter Bau und beeindruckt durch seine Größe. Den
Sportlern stand auch eine
entsprechend große Aufwärmmatte zur Verfügung. Mit Peter machte ich dann
eine kurze aber sehr intensive Erwärmung um topfit und bereit für den
Wettkampf zu sein. Dann war es soweit. Ich wurde zum ersten Kampf gegen
den mir noch unbekannten Dänen Trampedach gerufen. Mein Coach
Dietmar Hötger gab mir noch
einige taktische Hinweise und sagte dass ich sofort hochkonzentriert den
Kampf beginnen sollte. Mit dem Hajime begann aber der Däne sofort wild
anzugreifen und versuchte mit seinem linken Arm in meine Jacke am Hals zu
greifen. Dabei ließ er aber seinen Arm immer lang um mir mit seinem Körper
nicht zu nahe zu kommen. Als er das immer wieder versuchte, um mich zu
stören, griff ich instinktiv mit meinen beiden Händen an seinen Ellbogen
und hebelte seinen Arm, so das er zu Boden gehen musste. Nun konnte ich
den Arm blitzschnell an meinem Hals fixieren und intensiven Druck
auf das Ellbogengelenk ausüben. Eine aussichtslose Lage für meinen Gegner.
Es blieb ihm vor Schmerzen nichts weiter übrig als aufzugeben und mit
seinen Beinen abzuklopfen. Was für eine schöne Ude-Gatame Technik. In
meiner Laufbahn ist mir so etwas nie wieder gelungen. Das war ein prima
Wettkampfauftakt. Jetzt hatte ich etwas Pause und konnte mir meinen
nächsten Gegner anschauen. Er gewann seinen Kampf auch recht schnell und
so stand ich im nächsten Kampf dem Moldawier Goldan gegenüber.
Golban ist ein sehr beweglicher und konditionsstarker Kämpfer, der mit
variablen Kontertechniken erfolgreich ist. Nach einer harten
Auseinandersetzung und Wertungen für beide Seiten konnte ich nach ca. 4
Minuten im Boden eine Würgetechnik ansetzen. Mit voller Kraft zog ich die
Schlinge enger und merkte das es meine Chance war den Kampf vorzeitig zu
beenden. So musste auch Golban die Segel streichen und aufgeben. Der Kampf
hatte mich eine Menge Kraft gekostet und ich wusste, dass mein nächster
Kampf der Schlüsselkampf bei dieser EM werden würde. Was ich im Vorfeld
geahnt hatte wurde nun Wirklichkeit. In meinem letzten Vorrundenkampf
stand ich dem Russen Kosmynin gegenüber. Bundestrainer Dietmar
Hötger hat mich sehr gut auf ihn vorbereitet und immer wieder vor seinem
brillanten Hiza-Guruma gewarnt. Durch meine linke Kampfauslage konnte ich
mein rechtes Bein nach hinten setzen und so seinen gefährlichen Angriffen
ausweichen. Auch mein Gegner wusste um die Schwere der Aufgabe und so
begann der Kampf mit einem sehr hohen Tempo. Ich bedrängte meinen Gegner
sofort kompromisslos und ließ ihm keine Ruhe. In solchen Kämpfen muss man
alles automatisch abrufen können ohne nachzudenken. Nach ca. 2 Minuten
wurde mein Gegner langsam müde und konnte nicht mehr so blitzschnell
angreifen. Einen von ihm angesetzten Hiza-Gurume konterte ich mit einem
Beinfasser. Dafür erhielt ich einen Waza ari (halber Punkt). Nun hieß es
nur nicht nachlassen und voll konzentriert bis zum Ende weiterkämpfen.
Mehrere kleine Wertungen verbesserten mein Punktekonto und ich war wie im
Rausch. Es ist wie eine Euphorie und ich konnte meine körperlichen Grenzen
voll ausreizen. Die 5 Minuten Kampfzeit vergingen wie im Fluge bis der der
Schlussgong mir volle Gewissheit gab. Ich hatte gewonnen und stand im
Halbfinale der Europameisterschaft. Erst jetzt merkte ich, wie ausbelastet
mein Körper war. Bei der Urteilsverkündung knickte ich in den Knien ein
und konnte mich gerade so noch fangen. Als ich von der Matte kam wurde ich
stürmisch umarmt und merkte wie mir ein großer Stein vom Herzen fiel. Nun
hatte ich zum Glück einen Tag frei und konnte mich erholen. Peter
Schlatter hatte auch toll gekämpft und stand ebenfalls im Halbfinale. Die
Chance nun in die Medaillenränge zu kommen war greifbar nahe. Am Morgen
unseres zweiten Kampftages motivierten wir uns beide und sagten: "Uns kann
heute keiner besiegen!" Mein Halbfinalgegner war Davor Vlaskovac,
der in Deutschland lebt aber für Bosnien Herzegowina kämpft. Ihn kenne ich
schon aus einigen Kämpfen und wußte, dass er einen sehr guten Seoi Nage
beherrscht, mit dem er mich beim Europapokal 1992 mit Waza ari schon
werfen konnte. Aber ich war sehr selbstbewusst und siegessicher. Nach
einem kurzen, sehr hart geführten Griffkampf konnte ich den Griff
durchsetzen und meine Uchi Mata Spezialtechnik ansetzen. Ich merkte das
ich meinen Gegner sehr gut erwischt hatte und konnte den Wurf voll
durchziehen. Was für ein toller Uchi Mata. Der Kampfrichter hob auch
sofort den Arm und zeigte den Ippon Sieg an. Es war geschafft. Ich hatte
das Finale erreicht. Überglücklich über die schon sichere Medaille jubelte
ich Dietmar Hötger zu. Sensationell hat auch Peter Schlatter sein
Halbfinale gewonnen. Nun wollten wir auch nach Gold greifen. Peter war
einen Kampf vor mir dran und er gewann sein Finale sehr knapp. Er hat das
Unglaubliche erreicht. Europameister bis 65 kg! Jetzt blieb nur noch ein
Ziel im Visier. Auch ich wollte Gold holen. Im Vorfeld des Finales wurden
auf der Videoleinwand noch die Highlights der Kämpfe auf dem Weg ins
Finale gezeigt. Bei meinen spektakulären Techniken ging ein Raunen durch
die Halle und der Sprecher sagte leise aber hörbar:
"Never can stop him".
Mein Finalgegner war kein geringerer als der
Franzose Gagliano.
Auch er hat seine Kämpfe bis dahin souverän gewonnen. Nach dem Hajime
attackierte ich ihn sofort und ließ ihm nicht die Luft seinen Griff
durchzusetzen. Immer wieder konterte ich seine Angriffsversuche und
sammelte Wertung auf Wertung. Die Würfe waren teilweise sehr sauber und
schnell durchgeführt aber der Kampfrichter wollte keinen Ippon geben. So
musste ich bis zum Schluss durchhalten. Dann das befreiende Signal. Es war
geschafft, ich habe Gold errungen. Stolz erfüllte mich, als mein Name dann
zur Siegerehrung gerufen wurde. Das "Goldzimmer" war perfekt.
Die Europameister Peter und Martin hatten sich einen Traum erfüllt.
Großer Dank gilt vor allem meinem Trainerteam Dietmar Hötger, Detlef
Ultsch und Jochen Bech, ohne die ich dieses Ziel nie erreicht hätte! |